Now Reading
Jenseits des Lustprinzips – Über das Verhältnis von Lebens- und Todestrieb

Jenseits des Lustprinzips – Über das Verhältnis von Lebens- und Todestrieb

Ein Essay von Giò, 10 Minuten Lesezeit

Gewiß, so liebt ein Freund den Freund,
Wie ich dich liebe, Rätselleben –
Ob ich in dir gejauchzt, geweint,
Ob du mir Glück, ob Schmerz gegeben.

Ich liebe dich samt deinem Harme;
Und wenn du mich vernichten musst,

Entreiße ich mich deinem Arme
Wie Freund sich reißt von Freundesbrust.

Dichtet Lou Andreas-Salomé und bringt damit unbändigen Lebenswillen ebenso zum Ausdruck wie eine große Bejahung gegenüber dem Mysterium des Lebens, das von Freude und Glück wie von Schmerz und Tod geprägt ist.

Diese große, wenn auch nur als Randfigur der Geistesgeschichte wahrgenommene, Frauengestalt des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts – von Friedrich Nietzsche angebetet, von Rainer Maria Rilke über alles geliebt und von Sigmund Freud als diejenige bezeichnet, welche die Psychoanalyse vorweggenommen hat – hat sich mit dem „Phänomen Leben“ grundsätzlicher auseinandergesetzt als die meisten Philosophinn/en und Wissenschaftler/innen vor und nach ihr. Insbesondere hat sie den Prozess ihres eigenen Werdens, ihrer eigenen geistig-psychologischen Entwicklung von frühester Kindheit an mit einer überragenden Selbstbeobachtungsgabe festgehalten. Die letzten beiden Verse ihres Gedichts geben wunderbar wieder, in welchem Verhältnis der Lebenstrieb zum Tode stehen könnte.

Mit ganzer Kraft umfaß ich dich!
Laß deine Flammen mich entzünden,

Laß noch in Glut des Kampfes mich
Dein Rätsel tiefer nur ergründen.
Jahrtausende zu sein! zu denken!
Schließ mich in beide Arme ein:
Hast du kein Glück mehr mir zu schenken

Wohlan – noch hast du deine Pein.

In diesen, im Alter von 20 Jahren verfassten Zeilen ist bereit erkennbar, was Freud 50 Jahre später als Reaktion auf ihren als offenen Brief konzipierten Text „Mein Dank an Freud“ niederschrieb: „Es ist das Schönste, was ich von Ihnen gelesen habe, ein unfreiwilliger Beweis Ihrer Überlegenheit über uns alle.“

Das schreibt Freud 1931, der „Erfinder des Todestriebs“, fasziniert von einer Frau, die – so muss es ihre Biografie nahelegen – als die Verkörperung des schieren, sprühenden menschlichen Lebenstriebs zu gelten hat: „Wir wollen doch sehn, ob nicht die allermeisten sogenannten ‚unübersteiglichen Schranken’, die die Welt zieht, sich als harmlose Kreidestriche herausstellen!“, lautete denn auch das Motto ihres Lebens.

Als Freud 1920 sein Werk „Jenseits des Lustprinzips – Über das Verhältnis von Lebens- und Todestrieb“ verfasste, nahm er ein Thema auf, das bereits in der griechischen Mythologie eine zentrale Rolle spielt. Zwar steht zu vermuten, dass er den Todestrieb sozusagen opportunistisch in sein System der Psychoanalyse einführte, weil er – konfrontiert mit dem sexuellen Missbrauch, der viele seiner, den oberen Kreisen der Wiener Gesellschaft entstammenden Klientinnen, in suizidale Depressionen, damals Hysterien genannt, stürzte – nach einem gesellschaftlich akzeptablen Grund für diese Todessehnsucht suchte.

Früher noch hatte er noch den Lebenstrieb in ein Verhältnis zu den realen Gegebenheiten gesetzt und demgemäß dessen Erlöschen, Pervertierung und Umkehr als ein Ergebnis real erlittener Traumata verstanden. Die Einführung des Todestriebs bot ihm einen Ausweg aus dem Dilemma – so spätere Kritiker von Freud –, den sexuellen Missbrauch seiner Klientinnen anprangern oder den Verlust der Vergewaltiger-Klientel, sprich der zahlungskräftigen Ehemänner, in Kauf nehmen zu müssen.

Wenn heute – hundert Jahre später – einmal der Frage nachgegangen wird, was junge Männer und Frauen unterschiedlichster Herkunft und kultureller Prägung dazu bringt, sich einen Sprengstoffgürtel umzuschnallen, um sich selbst und möglichst viele andere – die in einer deutlich erkennbaren Gegenwelt leben – mit in den Tod zu reißen, so wird in der Regel gerne ebenfalls auf eine Art religiös motivierte Todessehnsucht geschlossen, welche den Attentäter seinen Selbsterhaltungstrieb oder Lebenstrieb überwinden lässt. Wobei dieser Fragestellung meist keine große Bedeutung beigemessen wird, sondern die Debatte sich sogleich wieder der nächsten Terrorismusbekämpfungsmaßnahme zuwendet.

In Deutschland wählen jährlich rund 10.000 Menschen den Freitod, die Versuchsrate ist 10 Mal so hoch und die Selbsttötung bei unter 40-jährigen die zweithäufigste Todesursache. Weltweit begehen etwa jährlich eine Million Menschen Selbstmord, wobei die Dunkelziffer insgesamt wohl ebenfalls eine Potenz höher liegen dürfte. Gibt es also doch so etwas wie den von Freud postulierten Todestrieb, der im Unbewussten mit dem Lebenstrieb, der Eroskraft – darauf kommen wir noch – einen stillen Kampf um Vorherrschaft führt?

In der griechischen Mythologie ist der Todestrieb als Thanatos personifiziert und es scheint, dass Freud diese Figur und das mythologische Gegensatzpaar Eros/Thanatos als Vorlage für seine Hypothese genommen hat. Thanatos ist der Gott des sanften Todes, der Sensenmann, der die Lebendigen zum Tode befördert. Interessant ist nun, dass in der griechischen Mythologie Thanathos eng mit Sisyphos verknüpft ist, dem es zweimal gelingt, den Tod zu überlisten – beim ersten Mal gar fesselt er Thanatos, der ihn in den Hades befördern soll. Am Ende jedoch muss er klein beigeben, in den Hades absteigen und dort zur Strafe für seine Unbotmäßigkeit gegenüber den Göttern auf ewig einen Felsbrocken den Berg hinaufrollen, um dann zuschauen zu müssen, wie dieser, kaum oben angelangt, wieder hinunterrollt, verbunden mit der Aufforderung, er solle ihn doch erneut den Berg hinaufwälzen – ein endloses und frustrierendes Unterfangen.

Albert Camus hat in seinem 1942 – also während des zweiten Weltkriegs – erschienenen Werk „Der Mythos des Sisyphos“, das den Untertitel trägt „Ein Versuch über das Absurde“ herausgearbeitet, worauf es in diesem Spannungs- und Spielfeld ankommt: auf den Sinn, der dem Menschleben, das irgendwann und ganz bestimmt mit dem Tod endet, zuzuschreiben ist. Für Camus entspricht die Sinnlosigkeit des Tuns, das Sisyphos auferlegt ist, der grundsätzlichen Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens angesichts dessen, dass alles menschliche Tun und Streben letztendlich vergeblich ist, weil es mit dem Tod erlischt und nichts bleibt. Und er legt den Finger in die Wunde der Legionen von Philosophen und Denkern, die dieser Grundfrage ausweichen, bzw. auf vage transzendente Konzepte verweisen: „Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten“, so leitet er sein monumentales Werk ein.

Womit wir zu Ausgangsfrage, zu Freud und zu den Psychoanalytikern zurückkehren, aber die Frage nun anders stellen: Was treibt das Leben an, was bringt Menschen dazu, sich immer wieder für das Leben, das Überleben, zu entscheiden, oftmals in völlig aussichtslosen Situationen. Was bewegt Menschen dazu, an das Leben zu glauben, an ihr Leben zu glauben, bis kurz vor dem Tod fest davon überzeugt zu sein, dass es weitergeht, nur noch eine Chemotherapie, noch eine Transplantation weiter, so als gäbe es immer wieder ein Morgen.

Was bewegt ein Herz dazu, seinen ersten Schlag zu tun, einen Samen zu keimen, eine Blüte, einen Vogel dazu, sich in den tollsten Farben zu schmücken …? Es ist der Eros, so heißt es seit alters her.

In der Theogonie, dem Werk des griechischen Dichters Hesiod über „Die Entstehung der Götter“, gehört Eros zusammen mit der Erdgöttin Gaia zu den ersten fünf Göttern, die nach dem anfänglichen Chaos das Licht der Welt erblickten. Eros ist das Sinnbild der lebensschaffenden, der formgebenden Kraft, der Vitalkraft, die uns vorantreibt. Eros ist der Drang aus dem Engeren zum Weiteren, zum Höheren. Eros ist Differenzierung, Kreativität, Information, Ordnung, Wachstum.

In physikalischer Terminologie ausgedrückt, könnte man Eros mit der Brownschen Molekularbewegung vergleichen und in den Gegensatz zum zweiten Hauptsatz der Thermodynamik setzen, zur Entropie. Eros stellt sich den Prozessen des Verlusts von Differenzierung, des Strebens der Kräfte in nahezu allen Systemen nach Gleichgewicht, nach Angleichung und damit Unkenntlichmachung, Informationsverlust entgegen. Eros will sein, wird sein.

Die Dynamik der lebensschaffenden Triebkraft des Eros hat ihren Ursprung in der Sexualität, im Fortpflanzungstrieb, der sich in komplexeren Lebewesen wie dem Menschen anreichert, wandelt und sublimiert, zu sozialen, psychischen und geistigen Dimensionen. In der indischen Vorstellungswelt ist das sehr schön sichtbar am „Lingam“, dem phallisch anmutenden, an-ikonischen Symbol des hinduistischen Schöpfer- und Zerstörergottes Shiva.

Auch das östliche Chakren-System beschreibt, wie sich Eros aus dem ersten Wurzelchakra – dort verortet am unteren Ende der Wirbelsäule als noch ruhende Materialität, Erdung und Urvertrauen in die Existenz – im zweiten Sakralchakra zu Emotion und Sexualität wandelt, um in den weiteren Chakren Gedankenwelten und Glaubensätze in sich aufzunehmen, später zu höherer Liebe, kreativem Ausdruck, Seele und Geist zu sublimieren und schließlich die re-ligio, die Rückverbindung zum Göttlichen zu finden. Im Kundalini-Yoga wird Eros als eine Schlange symbolisiert, die im Wurzelchakra zusammengerollt ruht, um sich über die Chakren zum Höchsten hin zu entfalten. Diese Lebenskraft umspannt in der indischen Vorstellungwelt auch geistige und metaphysische Dimensionen der menschlichen Existenz und schließt den Tod als eine Phase eines kontinuierlichen Werdens und Vergehens ein. Der Tod steht hier weder sinnentleerend in Opposition zum Leben wie beim Absurdisten Camus noch ist er die Erfüllung einer todessehnsüchtigen „Triebkraft“ wie bei Freud. Hier ist er der Prozess einer Wandlung, einer Häutung, die eine neue Phase des Lebens einleitet. Und man könnte sagen, dass die freudianischen Vorstellungen und Erklärungsversuche der Psychoanalyse – und damit die Sinndeutungsversuche der abendländisch-europäischen Kultur – alle nur um das zweite Chakra, um einen Aspekt oder Entwicklungszustand kreisen.

Vielleicht wird noch deutlicher, wie sich Lebens- und Todestrieb unterscheiden, wenn wir das hoch interessante philosophische Konzept der Entelechie von Aristoteles hinzuziehen. Seine Idee erlebt heute im dem Maße eine Renaissance, als wir feststellen, dass die mechanistisch-materialistische Weltsicht, indem sie alle Aspekte des Lebendigen in einen „Laborzusammenhang“ stellt und technisch nachzuahmen versucht, zu einer globalen Sinnkrise in allen Kulturkreisen und zu einer ökologischen Katastrophe planetaren Ausmaßes führt.

Aufbauend auf der Teleologie, der insbesondere von seinem Lehrer Platon entwickelten Lehre einer Ziel- und Zweckbestimmung, nahm Aristoteles an, dass alle lebenden Organismen, aus sich selbst die Entfaltung ihrer Formen und das Erreichen ihrer Zweckbestimmung veranlassen. So wie sich aus einem bestimmten Samen ein Baum bestimmter Größe und Form entwickele, oder aus einer Raupe ein Schmetterling, so gäbe es im Lebendigen einen Drang zur kompletten Selbstverwirklichung, zur Selbstvollendung.

„Jedes Lebewesen trägt Ziel und Zweck in sich selber und entfaltet sich dieser seiner inneren Zielstrebigkeit gemäß … um sich im ganzen Umkreis seiner Möglichkeiten zu verwirklichen“, beschreibt Aristoteles seine Idee einer inhärenten Natur allen Lebendigen, die zudem von Ordnungsprinzipien geleitet wird wie sie etwa in der faszinierenden Geometrie des Pentagramms oder des goldenen Schnitts sichtbar werden.

Demnach hat der Lebenstrieb nicht anderes im Sinn, als das Lebendige, das er antreibt, bestmöglich entsprechend dessen innerer Natur zu entfalten und zu einem Abschluss zu bringen. Dieser Antrieb des Lebendigen, der Natur, ist absolut und wird auch nicht eingeschränkt durch den Tod. Ist die Vollendung erreicht, ist auch die Zweckbestimmung erreicht und das Lebendige kann sich der wohlverdienten Ruhe des Todes hingeben … könnte man sagen. Oder noch anders: Der Drang zum Leben, der Lebenstrieb, ist Ausdruck von Kreativität, von schaffen wollen, von schöpfen. Der Mensch ist eine Kreativitätskreatur, der Sinn seines Lebens ist, zu erschaffen, und insofern ist es durchaus berechtigt, wenn es in der Bibel heißt, dass der Mensch als tzäläm elohim, als imago dei, als Gottes Abbild erschaffen sei: Eben als Eigenschöpfer, als Schöpfer der Welt, in der er lebt und für die er die Verantwortung trägt, trotz Krankheit, Alter und Sterblichkeit. Noch radikaler: Gott hat den Menschen zum Schöpfer gemacht und damit die Verantwortung delegiert. Wir leben nicht im Puppenhaus eines Schöpfergottes.

Leben und Tod bergen demnach viel mehr Dimensionen, als dass sich diese mit zwei entgegengesetzten „Trieben“ auch nur annähernd erfassen ließen. Das Phänomen des Lebens an sich – Sternenstaub, aus dem Höllenfeuer von Milliarden von Sonnenexplosionen geboren – ist ein großes Mysterium, zu dem der Tod dazugehört wie Nässe zum Regen. Einen Todestrieb anzunehmen, der auf einer Stufe mit dem Drang zum Leben, zur Schöpfung, steht, erscheint nachgerade absurd, das würden wohl auch die Absurdisten unterschreiben.

Nicht ohne Grund ist denn auch der Todestrieb, an dem Freud seltsamerweise bis zum Ende festhielt, selbst im Kollegenkreis der Psychoanalytiker auf vehemente Ablehnung gestoßen. Wilhelm Reich, einer der Wortführer der Freudkritik, hat in vielen Fällen aus seiner Praxis belegt, dass es einen Todestrieb jenseits des Lust- oder Lebensprinzips nicht gibt. Immer waren die selbstmörderischen Intentionen seiner Klientinnen und Klienten auf erlittene Traumata– oftmals solche, die in Abhängigkeitsverhältnissen begründet waren –, die den Wunsch nach leben und lieben zum Absterben brachten, zurückzuführen.

Selbstmord und Todessehnsucht stehen oftmals im Zusammenhang mit Abhängigkeit und mit schwach oder noch nicht vollständig ausgebildeter Persönlichkeit. Die höchsten Selbstmordraten finden sich unter männlichen Jugendlichen und Opfern von Missbrauch. Bei Selbstmordattentätern ist es nicht anders. In seinem Buch „Driven to Death“ („Zum Tode getrieben“) belegt der israelische Autor Ariel Merari anhand von vielen Fällen (Attentäter, die den Gürtel aus technischen Gründen nicht zünden konnten), dass die – nahezu ausschließlich jugendlichen – Selbstmordaspiranten eben nicht aus eigenem Antrieb handeln, sondern von Dritten fremdgesteuert waren und eine schwache Persönlichkeitsstruktur aufwiesen: in den Tod getrieben von älteren, in der sozialen oder kulturellen Hierarchie höher stehenden Hintermännern, die „nie im Leben“ daran denken würden, sich selbst einen Sprengstoffgürtel umzuschnallen.

In seinem Gedicht Selige Sehnsucht stellt denn auch Goethe Leben und Tod nochmals ins richtige Verhältnis: Es ist nicht die Sehnsucht zum Tode, sondern die Sehnsucht zum Leben, nach Erfülltheit, nach Kühnheit und Risiko, nach Gemeinschaft und Wertschätzung, die, wenn ihr kein Raum gegeben wird, sich wandelt in tödliche Aggression gegen andere und sich selbst.

Sag es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet:
Das Lebendge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.
Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.
Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde

View Comments (0)

Kommentar verfassen